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IN ZEHN SEKUNDEN IST ALLES VORBEI / CD / 2012

Augst & Daemgen

Journal Frankfurt
"Kopfkino fürs Publikum"

Oliver Augst /Marcel Daemgen: In zehn Sekunden ist alles vorbei, Kuckuck Schallplatten

"Musik, davon verstehe ich nichts, das ist schon richtig, was du machst. Wenn es mir nicht gefällt, dann sag ich es." Das klingt ein wenig pragmatisch, was Regisseur Rainer Werner Fassbinder seinem Komponisten Peer Raben gesagt haben soll. Aber es ist eher Ausdruck eines blinden Vertrauens zwischen den beiden Filmschaffenden, die auch eine zehn Jahre dauernde, intensive Freundschaft verband. Eine produktive Zeit, in der 31 gemeinsame Filme entstanden, darunter Klassiker von "Katzelmacher" über "Lili Marleen" bis zur TV-Serie "Berlin Alexanderplatz". Mit einer Musik, in der Raben die großen Freiräume, die Fassbinder ihm einräumte, immer voll ausreizte, sich auf Motive von Klassik bis Volksmusik, von Schubert bis "Westerwaldlied" stürzte, und damit eine Musik schuf, die - wie in "Die Ehe der Maria Braun" - nicht untermalenden, sondern musikdramaturgischen Charakter hatte und vor allem die Gefühle der dargestellten Personen in Töne kleidet. Sein Credo: "Musik ist die Seele des Films". Fast nebenbei entstanden dabei auch "Hits", richtige tolle Songs, zum Beispiel "Each Man Kills The Things He Loves". Jeanne Moreau sang es in "Querelle", natürlich interpretierte Ingrid Caven das Chanson, aber auch der irische Post-Punk-Sänger, Songwriter und Bono-Spezi Gavin Friday, der sich sonst liebend gern bei Brecht und Brel bediente, benannte sein von Hal Willner produziertes 89-er Solodebüt sogar nach diesem Stück und ließ sich für die Kabarett-Walzer und kammermusikalischen Rockballaden von Musikern aus dem Lou Reed- und Tom Waits-Umfeld begleiten. Das passt wie Arsch auf Eimer und ist ein weiteres Indiz für Rabens Crossover-Potential, denn er griff für "Berlin Alexanderplatz" seinerseits auf Janis Joplin, Leonard Cohen und Velvet Undergroud zurück. Im Oktober 2006 wurde Peer Raben von der World Soundtrack Academy für sein Lebenswerk geehrt - ein Jahr vor seinem Tod.

Auch Oliver Augst und Marcel Daemgen sind begeistert von Raben und seiner Musik. Mit ihrem Projekt Arbeit haben sie - nach Eisler-Adaptionen 1998 - mit "Fassbinder Raben" schon 2010 eine "besondere Hommage" geschaffen - "kunstvoll inszenierte Klangwelten, die ein Eigenleben führen" wie Dr. Steffen Schmidt von der Zürcher Hochschule der Künste zur Veröffentlichung schrieb. Und jetzt, zwei Jahre später, eine weitere Widmung, "In 10 Sekunden ist alles vorbei". Raben lässt Augst & Daemgen nicht los. Daemgen fühlte sich immer angesprochen von Rabens Zugang zur Musik, von einem, der "wie die Jungfrau zum Kind" als ehemaliger Bühnenbildner, Schauspieler, selbst auch Regisseur, zum Musikkomponisten wurde. Weil einer gesucht wurde und Fassbinder meinte, Raben müsse das als Musik- und Theaterwissenschaftler doch leisten können. "Dieses Unverbildete, dieser geniale Dilettantismus, den man aus seinem Wirken heraus spürt, dabei aber auch eine hohe Sensibilität in der Inszenierung - diese Kombination hat wunderbar gepasst", formuliert Daemgen seine Faszination. Kollege und Kollaborateur Augst hat noch eine andere Wahrnehmung. "Raben konnte etwas, was sonst nur Ennio Morricone hingekriegt hat, nämlich den schlimmsten Kitsch komponieren, dabei in jedes Fettnäppchen treten, und trotzdem berührende Musik schreiben." Die meiste Filmmusik, nicht nur die deutsche, ist austauschbar. "Einen Peer Raben erkennst du immer."

Was "In 10 Sekunden..." von der ersten Auseinandersetzung Augsts und Daemgens mit Raben unterscheiden, ist der diesmal puristische Ansatz der Liedinterpretationen. Daemgen hat dafür sein 30 Jahre altes Schimmel Piano überholen lassen, die Klavierparts hat er in seinem kleinen Studio eingespielt. Augst singt ebenso pur, fast im Duktus eines romantischen Kunstliedsängers oder deutschen Chansonniers. Auch wenn konsequent auf Samples verzichtet wurde, eine leicht "elektronische" Anmutung fehlt auch hier nicht. "Ich wollte eine Art Verunreinigung hineinbringen", bekennt Augst und setzt dafür keine teure Technologie, sondern das spielzeugähnliche Mini-Keyboard Casio VL-1 ein, mit dem Trio 1982 seinen Welthit "Da da da ich lieb dich nicht du liebst mich nicht aha aha aha" aufnahm.

Im Kontrast dazu stehen Original-Orchester-Score von Peer Raben. Diese unveröffentlichten Aufnahmen auf Magnetband hatte Eckart Rahn, auf dessen Kuckuck Schallplatten Label die Augst & Daemgen-CD erschienen ist, noch in der Schublade. "Charmant" befand Daemgen. "Die Bläser intonieren manchmal falsch, kacken ab, das ist echte Musik!" Die "Intermezzi" sind Ensemble-Zwischenspiele, acht wurden für die Platte ausgewählt, unterschiedliche Stimmungen mit alpenländischen Bläsern, Kirchenorgel-Sounds, Choral-Motiven, Walzer-Takten, Märchenhaftem wie in Prokofjews "Peter und der Wolf". Sie funktionieren ähnlich wie die "Promenade" bei Mussorgkys "Bilder einer Ausstellung", immer unter dem Eindruck des gerade Gesehenen, in den Bildern entdeckten. Lebensqualität und Lebensqual, Schönes und Bedrohliches, Reales wie Skurriles, Absurdes, Alltägliches in Texten von Hans Magnus Enzensberger, Christian Friedrich Hebbel und Wolf Wondratschek - hier prallt vieles aufeinander woraus die Produktion ihren ganz besonderen Reiz bezieht. Kann man daraus eine Botschaft der Protagonisten ableiten? "Es gibt eine einfache Formel für uns, die sich durch all unsere CDs durchgezogen und immer wieder interessiert hat", erzählt Augst. "Ganz simpel gesagt: der Sinn suchende Mensch." Schließlich ist man selber oft an dem Punkt, dass man sich fragt: was ist der Sinn oder Unsinn des Lebens.

Mit mehr Sinnlichkeit und auch Selbstironie denn je haben sich Augst und Daemgen Raben diesmal genähert. Deshalb erscheint die CD nicht mehr unter dem Projektnamen Arbeit. Der war damals als Abgrenzung gedacht, als ein Anti-Statement gegen herkömmliche Pop- und allzu populäre Konzepte. "Aber der Name hat auch immer so eine Welt aufgemacht, wo alles erklärt werden musste", erinnern sich die Musiker. Aber dieses "Verkopfte" stammt aus einer anderen Zeit. Arbeit im Sinne von sich an etwas abarbeiten, Musik eher als analytische Abhandlung, das war gestern. Dass auf dem Cover von "In 10 Sekunden ist alles vorbei" heute Augst & Daemgen steht, ist ein klares Signal: hier sind zwei Künstler mit ihrer eigenen Persönlichkeit am Werk, unakademisch, nicht programmatisch, so gar nicht sachlich. Eine Stimme, ein Piano - das ist wie Hosen runterlassen.

25. April 2012
Detlef Kinsler



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