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RUBY MOON / 2006

Daemgen & September

So richtig angesprochen habe ich mich zuerst nicht gefühlt vom Aussehen der CD. Auch begegne ich Stichwörtern wie "Lounge Musik" oder "Life Style" eher skeptisch. Zuviel schlecht gemachtes und triviales kam mir da in der Vergangenheit schon unter die Finger. Spätestens beim Namen Marcel Daemgen erwachte aber doch mein Interesse, wenn ich an die durchweg starken CD-Alben denke, die er mit der Frankfurter Gruppe ARBEIT produziert hat. Fragmentierte Elektronik traf auf Vergangenes, nicht zur Ruhe Gekommenes, Verdrängtes. Politische Zuspitzung mündete spannungsreich in aktuelle Sounds. So explizit sind die Ansprüche bei seiner Zusammenarbeit mit der Sängerin Fanny September allerdings nicht. Aber alte und vertrautes Liedmaterial, diesmal der Unterhaltungsbranche, ist auch hier der Ausgangspunkt Daemgensscher Bearbeitungskünste. Und ein bisschen fremd gucken einen da selbst so gute alte Bekannte an wie'My funny Valentine.

Daemgens kühl pochende, gelegentlich auch warm überhauchte Sounds sind der eine notwendige Teil dieses musikalischen Cocktails. Aber er wäre sicher nicht so prickelnd ohne die Stimmkunst der Chanteuse Fanny September, die das notwendige Quentchen Fremdheit zu all den Ohrwürmern beiträgt. Ein Hauch abendlicher Kühle liegt in dieser Stimme, die bei aller Distanziertheit eine erstaunliche Gestaltungskraft aufweist. Traumverloren und auch sonst nicht völlig von dieser Welt zelebriert sie die wohlvertrauten Worte. Aber kein Saxophon singt, kein Piano perlt, kein standhafter Bass knarrt und rumpelt. Daemgen zaubert leichthändig eine sehr abstrakte Combo hinzu, die die Dinge ebenso in Bewegung hält.

Diese Bar hat keine Raucherzone, die Drinks sind dafür mit Sauerstoff angereichert. Richtig gut träumen lässt sichs nur mit klarem Kopf.

Am Ende zerfällt die Nacht, der Mond hat seine rubinrote Farbe, wie alle anderen auch, eingebüsst. Eine rosenfingrige Morgenröte ist kurz vor dem Aufbruch und diese klingende Nacht weisst zunehmend Lücken auf, Löcher, in denen andere Nächte aufscheinen, so wie diese sich in einer neuen Nacht spiegeln wird. Das alte Lied hallt nach, ein Phantom, mit Stimmen im Kopf. Der Mondschein verliert sich und mit ihm die Erinnerungen. Die Instrumente schweigen beinah, nach aller gedämpften Fröhlichkeit, nach dem rhythmischen Schaukeln, dem dunklen Fliessen, Pluckern und Pochen. Wenn der Tag anbricht, beginnt die Stunde der Geister. Orgelpunkt und Herzschlag bilden eine unterschwellige Folie. Die Stimmen singen mit sich selbst. Hier ist Marcel Daemgen ganz nah an seinen Stücken zu Eisler, zu anderen alten Liedern vieler Zeiten und schiebt die Grenzen von Coolness weit nach draussen.

Musiker wie Antonio Carlos Jobin, Irving Berlin, Richard Rogers, Tom Waits und Jacques Offenbach geben sich ein nächtliches Stelldichein, umgossen von hellem Mondlicht. Sie alle hat Marcel Daemgen versammelt, spannungsvoll arrangiert und ihnen mit Fanny Septembers wispernder Stimme ein sehr spezielles Kompliment gemacht. Das funktioniert nicht nur Nachts, und auch nicht nur im Freien.

Hans Plesch, radio Z, Nürnberg


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