AM ANFANG WAR DAS VORSPIEL
DAS 20. JAHRHUNDERT
Wir sind Menschen des 19. Jahrhunderts und haben erfahren, wie wesentlich dessen Kenntnis für die Bewältigung des 20. war. Nun rücken wir weit vor und machen den Menschen des 21. Jahrhunderts das 20. zum ersten Mal komplett verständlich.
Ein kühnes Vorhaben für eine knappe Stunde - eine Menge Material will bewältigt und rübergebracht werden – das muss sehr schnell gehen!
Initialzünder sind für uns zum einen der Filmer Robert van Ackeren, der mit "Deutschland Privat", einer filmischen Collage aus unzähligen Homevideos und zusammengesuchten privaten Super8-Filmschnipseln, zum Thema „Vorspiel“ auf grotesk-komische Art und Weise mehr über das Sex-Leben der Deutschen als jede soziologische Studie leistete. Zum anderen interessiert uns die abstrakt-ironische Herangehensweise eines Anton Bruhin (Schweizer bildender Künstler, Maultrommelspieler und Autor), der mit seinem Büchlein "Am Anfang war das Vorwort" eine einmalige nicht auflösbare absurde Behauptungs- und Erklärungsposition einnimmt.
Begriff Vorspiel
Prolog/Vorwort, Vorspann, Intro, Ouvertüre...
- Im dramatischen Prolog kann die Vorrede der Erläuterung des Sinnes des gesamten Stücks dienen und skizziert meist schon die komplette Problematik.
- Der Vorspann in Fernsehserien fasst die vorangegangenen Episoden zusammen, um den Zuschauer einerseits auf die bevorstehende Handlung einzustimmen, andererseits um ihn an bereits Erfahrenes zu erinnern und somit die Bindung an die kommende Folge zu erhöhen.
- Bei Spielfilmen ist der Vorspann manchmal schon eine Kunst für sich. Es werden eigens dafür Spezialteams engagiert. Eine Ausstellung der bedeutendsten Film-Vorspänne würdigte diese Kunstform im Begleitprogramm der Berlinale 2009 unter dem Titel „Vorspannkino“.
Als Musiker sehen wir unseren Schwerpunkt jedoch hier:
In der Musik können Intro und Ouvertüre geschlossene und teilweise auskoppelbare kompositorische Einheiten darstellen. Wir nehmen das Genre der gehobenen Popularmusik zur Grundlage, dieses Phänomen genauer zu untersuchen.
Ausgehend von der Schallplattensammlung Rüdiger Carls schaffen wir ein Archiv, eine auditive Auflistung ausschließlich eigenständiger, markant-strahlkräftiger Musik-Intros. Diese Sammlung wird die zentrale musikalische Ebene der geplanten Hörarbeit darstellen.
Erste Beispiele:
Aufzeichnung vom 21.11.07
0-07 Africa Djolé
09-12 Marte R. Altena (Quartett)
13-15 Altena "Solo Handicaps"
16-37 Armstrong
38-41 Armstrong und seine Freunde (u.a. Schlager mit Marlene Dietrich)
Aufzeichnung vom 5.12.07
0 Alber Ayler "Spirits Rejoice"
01 Call Cobbs (Harpsicord)
02 Augst & Beck (Sprecheinsatz)
03-04 Derek Bailey
05-12 Chet Baker (In New York)
13-17 Chet Baker (Baby Breeze)
18-21 Chet Baker (Sings)
19-26 Chet Baker (Chet is back)
27-29 Count Basie
Aufzeichnung vom 17.2.09
00-04 Count Basie
05-12 Count Basie and Mills Brothers
13-17 Count Basie feat. L. Young
18-23 Count Basie and Duke Ellington
24-29 B.B. King
30-38 Sidney Bechet
39-50 Bellafonte
51-55 Steve Beresford
Aufzeichnung vom 5.3.09
00-24 Chuck Berry Rock'n Roll
25-27 Art Blakey
28-33 Art Blakey
...
Form
In überzeichneter Andeutung einer Spiel- oder Talk-Show soll ein furios-kunstvolles Hin und Her zwischen den o.g. Musik-Intros, montierten, überlagernden und collagierten O-Tönen entstehen, einer immer wieder auftauchenden "Moderations-Stimme" und Live-Gesprächspartnern, die sich anhand der vorgestellten, eingespielten Musikfragmente unterhalten, austauschen, streiten, missverstehen und ein widersprüchliches und unterhaltsames Positions-, Denk- und Auffassungsbild des vergangenen Jahrhunderts aufschimmern lassen.
Die Arbeit wird sich an Hanns Eisler („Wer nur von Musik etwas versteht, der versteht auch davon nichts“) und Antonin Artaud („Alles muss haargenau in eine tosende Ordnung gebracht werden“), beides große Macher des 20. Jahrhunderts, orientieren und schärfen.
Der Gedanke einer Spiel- oder Talk-Show soll nicht 1:1 verstanden oder als dramaturgische Idee streng durchgezogen werden. Es liegt uns eher daran, in temporeichem Schnitt an deren kaleidoskopartigen Form Anlehnung zu finden.
Wie in früheren Hörspielen von Augst/Carl werden mittels einer "hochvergnüglichen Text- und Musikcollage bestimmte Verhältnisse präsent gemacht. ... Musik, Kompositionstechnik und Texte dienen zum Zwecke der Demontage von Weihestimmung in der Kunst und dem Ziel eines unsentimentalen Durchblicks", wie die Deutsche Akademie der darstellenden Künste zur Verleihung des Hörspiel-des-Monats-Titels im Juli 2008 zu KIPPENBERGER HÖREN von Augst/Carl urteilte. Oder: "Ein ironisch-schräger Rückblick ... subtil unterwandert durch innovative Verwendung musikalischer Elemente. Eine Meisterklasse von Studio-Produktionstechniken.", so der Prix Italia Jury-Kommentar zu Augsts THE WHOLE WORLD IS WATCHING 2008.
Stimmen
Es ist angedacht, eine Kombination und Verschachtelung von live gesprochenem Material mit archiviertem, O-Tönen von Persönlichkeiten aus der deutschsprachigen Kultur- und Denkwelt zu komponieren.
a,
Die Stimmen aus der Retorte werden aus den Archiven des WDR und anderen Rundfunkanstalten zusammengesucht. (zB. Hessischer Rundfunk).
Unbedingt dabei haben wollen wir Hannah Arendt, Theodor Adorno, Heiner Müller (u.a. aus seinen Gesprächen mit Alexander Kluge „Ich bin ein Landvermesser“), Jürgen Habermas, Mathias Beltz, Rudi Dutschke, Hanns Eisler (aus seinen Gesprächen mit Dr. Bunge "Fragen Sie mehr über Brecht"), Pina Bausch und Anselm Kiefer (aus seiner Paulskirchen-Rede von 2008), deren Statements zum 20. Jahrhundert herausgelöst und in den Kontext des Hörspiels hineinbehauptet werden.
b,
Mit den sog. Live-Stimmen werden im Studio Gespräche geführt. Wir hören gemeinsam Musik-Intros an, verwickeln zu assoziativen Aussagen zur ausgewählten Musik, deren Herkunft, Zuordnung etc. und bitten um Kommentare zu den zitierten Archiv-Stimmen.
Angedacht sind zunächst Gespräche mit eloquenten und spannenden Köpfen wie Meuser (Bildhauer, Professor an der Düsseldorfer Kunstakademie), Charlotte Birnbaum (Kochbuchautorin, Frau von Welt), Diedrich Diederichsen (Autor und Musikjournalist). Die daraus resultierenden Sprach-Fragmente und Episoden fließen in geschnittener und ausgewählter Form später als Audiomaterial in die Gesamtkomposition ein.
Arbeitsweise
a,
Vorbereitung:
1. In Rundfunkarchiven die O-Töne der historischen Figuren recherchieren und samplen
2. Die besagten Live-Stimmen aufsuchen, Gespräche führen, Sprach-Material generieren.
Hierfür wäre die Nutzung der WDR-Studios sinnvoll (insg. 4-5 x 3Std.)
3. Die Intro-Sammlung fortführen und für das Hörspiel auswählen und zusammenstellen bzw. neue musikalische Zusammenhänge daraus herstellen (Loops, Klangverfremdung, Kombinationen etc.)
b,
Gesamtkomposition:
Arbeit im Studio von Oliver Augst, gesamt ca. 4 Wochen
c,
Endmix im Studio des Hörfunks
Augst/Carl
Oliver Augst
Sänger, Komponist/Hörspielmacher und Bühnenbildner, studierte visuelle Kommunikation mit Schwerpunkt Bühne an der Hochschule für Gestaltung in Offenbach und Popularmusik/Performance an der Hochschule für Musik und darstellende Kunst in Hamburg.
Er erhielt zahlreiche Stipendien und Förderungen, so das Atelierstipendium des Künstlerhauses Mousonturm (Frankfurt 1991-93), ein DAAD Stipendium für freie Kunst (Wien 1994) sowie ein Stipendium für Komposition an der Akademie Schloss Solitude (Stuttgart 1995).
Seine Musik-, Theater-, und Hörspielproduktionen u.a. in Zusammenarbeit mit Blixa Bargeld, dem Electronic Music Theater, dem Trio Blank (Augst/Carl/Korn), dem japanischen Konzeptkünstler On Kawara oder mit dem amerikanischen bildenden Künstler Raymond Pettibon werden seit 1991 international präsentiert.
Kuratorentätigkeit für "pol" Festival neue Musik (1999-2003) und „Audio Art Series“ (2005-2007) im Künstlerhaus Mousonturm Frankfurt, und seit 2009 für die Konzertreihe "What Is Music?" im >raum für kultur< der Dresdner Bank sowie die "Sommer Musik Städel" Konzerte im Garten des Städel Museums in Frankfurt.
Er ist Lehrbeauftragter an der Fachhochschule Frankfurt, University of Applied Sciences und war Gast-Dozent an der HfG Offenbach, Kunsthochschule des Landes Hessen. Ausserdem ist er im Lehrteam von "Response - Neue Musik macht Schule" in Zusammenarbeit mit dem Hessischen Rundfunk und dem Ensemble Modern.
Oliver Augst ist Artist in Residence 2009 AIR Antwerpen
He is a musician that is crossing real boundaries. If you haven't heard of him, it's because he's crossed a boundary that matters. Downtown, NYC
Rüdiger Carl
Rüdiger Carl ist eine der wichtigsten Persönlichkeiten der Musik, die aus dem europäischen Free Jazz hervorgegangenen ist.
Seit 1973 arbeitet er mit Irene Schweizer in diversen Kombinationen
(Duos, Trios und Quartette u.a. mit Arjen Gorter, Louis Moholo, Tristan Honsinger, Maarten Altena und Han Bennink);
1973-76 ist er Mitglied des "Globe Unity Orchestra" (u.a. mit Peter Brötzmann und Alexander von Schlippenbach);
1978-83 "Bergisch-Brandenburgisches Quartett" (mit Sven-Åke Johansson, E.-L. Petrowsky, Hans Reichel); Duette mit Hans Reichel;
Seit 1984 Duo Carl/Johansson; Solo-Konzerte; Swing Dance Band "Night and Day" (mit A. v. Schlippenbach, Jay Oliver, S.-A. Johansson, Lol
Coxhill); 1987-1997 "COWWS Quintett", konzeptionelles Ensemble (mit
Arjen Gorter/Barre Phillips, Stephan Wittwer, Phil Wachsmann, Irene
Schweizer, Lars Rudolph);
1988-92 Konzertorganisation für "Musik im Portikus", Frankfurt;
1989 COWWS & Mayo Thompson;
1990-91 Duette mit Mayo Thompson;
1991-96 "Canvas Trio" (mit Joëlle Léandre und Carlos Zingaro);
1993-95 "September Band" (mit Shelley Hirsch, Paul Lovens,
Hans Reichel, Matthias Bauer/Jay Oliver);
1994-95 Leitung FIM Orchester, Frankfurt;
Seit 1996 "Buben plus", Duo mit Hans Reichel; "Jailhouse" (Trio mit Albert und Markus Oehlen);
1997 "Carl y Carlos" (Duo mit Carlos Zingaro); "La Piuma Leggera" (Trio mit Irene Schweizer und Pierre Favre);
Seit 1998 "Blank" (Trio mit Oliver Augst und Christoph Korn);
1998-2003 Initiator und Kurator des "pol festival neue musik" (mit
Oliver Augst und Christoph Korn);
Seit 2000 "Gold" (Duo mit Burkard Kunkel);
2001-2003 "Blank meets Pettibon" (mit O. Augst, C. Korn und Raymond Pettibon);
Seit 1973 kontinuierliche Platten-/CD-Produktion u. a. für FMP Berlin, GROB; Zusammenarbeiten mit bildenden Künstlern (u.a. Albert und Markus Oehlen, Werner Büttner, Günther Förg, Martin Kippenberger, Tobias Rehberger, Massimo Bartolini, Raymond Pettibon).